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Zwei veröffentlichte Alben, diverse EPs und Tapes, eigene Musik und Klamottenlabels, Props von den ganz Großen der Szene und ein Solo Auftritt bei Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ für seine 19 Jahre kann Sierra Kidd bereits auf eine ansehnliche Liste von kleinen und großen Karriereerfolgen zurückblicken. All seine Ziele hat er allerdings noch lange nicht erreicht. Und von denen ist die Chartspitze noch das kleinste. Mit „FSOD“ publizierte das TeamFuckSleep Oberhaupt kürzlich seine neueste Platte und das ganz ohne Promo und, passend zu seiner Schlaflosigkeit, mitten in der Nacht. Warum? Weil er schon immer nach Gefühl gehandelt hat. Und genau diese Art, Entscheidungen zu treffen, ist mit Schuld daran, dass der Rapper heute dort steht, wo er nun einmal steht. Wir baten den gebürtigen Emdener zum Interview und unterhielten uns mit ihm ein wenig über die Deutschrapszene, seinen Platz darin, viel zu verklemmtes Geschiele auf Chartpositionen und seine soundtechnische Weiterentwicklung. Man sagt im amerikanischen Sprachgebrauch, der Schlaf sei der „Cousin des Todes“ siehst du das ähnlich?

Sierra Kidd: Ich mag Schlaf, so ist es nicht ich träume zum Beispiel richtig gern. Aber ich schlafe recht wenig, weil ich die ganze Zeit auf dem Grind sein und arbeiten will. Deswegen kann ich nicht ständig pennen. „TeamFuckSleep“ richtet sich eher gegen Leute, die den ganzen Tag im Bett liegen, pennen und nichts tun. Frei nach dem Motto: „Wir sind wach und arbeiten, während ihr schlaft“. Es kommt immer drauf an, wer das betrachtet. Ich hab‘ natürlich Praktika gemacht und hier und da mal ein paar Sachen absolviert, aber auch nie eine Ausbildung angefangen. Ich hab‘ meine Schule damals mit dem Realschulabschluss beendet und von da an von Rap gelebt. Jetzt hab‘ ich nebenbei noch mehrere Firmen, vor allem im Handel man erweitert mit der Zeit halt sein Business. Ich verdien‘ mein Geld also nicht nur mit der Musik. Wir haben auch eines der erfolgreichsten Merchandise Labels in Deutschland. Das alles darf sich nur nie so schneiden, dass es eklig wird zum Beispiel als „TeamFuckSleep“ Schlafsachen rausbringen. (lacht) Aber durch diese Klamottensache konnten wir unser Image eher noch bestärken, als dass wir dem Ganzen schaden. Genau das sieht man in letzter Zeit immer häufiger was war deine persönliche Motivation dazu und warum denkst du, dass andere Künstler das ebenso machen? Weekend hat vor einigen Wochen ja auch einfach so ein Album veröffentlicht.

Sierra Kidd: Bis jetzt hat man das soweit ich weiß nur in Amiland gesehen. Natürlich gucken wir immer rüber, was die Staaten machen, aber wir wussten das tatsächlich schon, bevor dieser Drake Move kam. Da saßen Hadi und ich bereits da und haben überlegt, das nächste Album einfach ohne Promo rauszubringen. Wir handeln immer nach Gefühl und uns hat diese Promophase einfach genervt. Wir haben analysiert, was andere Leute machen, und festgestellt: Okay, diese ganzen Blogs et cetera nerven uns extrem krass, da haben wir keinen Bock drauf. Warum andere das auch gemacht haben (überlegt) Keine Ahnung. Vielleicht haben sie sich gedacht: „Okay, Drake hat das so gemacht, jetzt müssen wir das auch so machen“. Aber ganz ehrlich: Bis jetzt hatte in Deutschland niemand die Eier, das so durchzuziehen wie wir. Nichts gegen Weekend, er ist ein cooler Typ aber er hatte zum Beispiel auch vorher schon sein Cover, die Tracklist, es gab ’ne Videoauskopplung, du wusstest, wer auf dem Album sein wird und dann kam’s eben überraschend. Bei uns konntest du das nicht mal erahnen. Hättest du die Fans gefragt, hätten die alle gesagt: „Nächstes Jahr kommt das Sierra Kidd Album“. Wir saßen wirklich da, haben keinen Fick gegeben und „FSOD“ rausgebracht, weil wir wussten, dass jetzt der Zeitpunkt dafür ist. So waren wir schon immer. Das klingt jetzt behindert, weil uns das keiner gutschreibt, aber wir waren schon immer Pioniere in dem, was wir tun. Ich hab‘ einmal vier Free Tracks an einem Tag rausgebracht darüber redet auch kein Mensch mehr. Ich glaube, dass da noch ein, zwei kommen werden, aber ob sich das wirklich durchsetzen kann, ist halt die Frage. Ich glaube, dass es die normale Promophase immer noch geben wird, aber das jetzt eine neue Art ist, Sachen rauszubringen. Eine neue Möglichkeit, die für einige Künstler eine Option sein wird, aber für andere nicht. Die Platte klingt in ihrer Produktion sehr ausgereift, egal, ob auf die Instrumentals oder die Nachbearbeitung bezogen. Wie intensiv warst du in diese Schaffensprozesse involviert?

Sierra Kidd: Eigentlich müsste man das „FSOD“ Album fast als ein Sierra Kidd und Young Kira Album ansehen. Ich hab‘ natürlich die ganzen Texte und Ideen geliefert also, die Grundwerke, sag‘ ich mal und war bei einigen Songs auch dabei. Zum Beispiel bei „Alles“. Bei anderen Songs wie „FSOD“ hab‘ ich nur die Grundsachen geliefert und „Fan von dir“ ist auch genau so geblieben, wie es vorher war. Aber diesen „Ernst“ Song hab‘ ich Kira zum Beispiel in die Hand gedrückt und gesagt: „Ich feier‘ den nicht so krass, aber ich weiß, dass du einen Hit draus machen wirst, also tob dich aus“. Er hat den dann genommen, komplett zerpflückt, mir am nächsten Tag zurückgeschickt und es war ein Brett. Ich lass‘ ihm da auf jeden Fall viele Freiheiten und denke, wir sind ein eingespieltes Team. Ich hab‘ nicht vor, nochmal was zu releasen, ohne dass das durch seine Feder geht, weil er einfach gezeigt hat, dass er ein richtig guter Produzent ist. Dass du es dir anhörst und dann denkst: „Ja, okay, hab‘ ich gewusst, dass das so klingen wird“. Und das Einzige, an dem du es ein bisschen erahnen konntest, war das Money Boy Feature, das schon ein bisschen anders klang. Ich wollte einfach etwas machen, was es so nicht in Deutschland gibt und dann kamen Dat Adam mir leider zuvor. (lacht) Die haben Cloudrap auf jeden Fall etabliert. Das war für mich natürlich nicht so cool, aber das Tape ist trotzdem fire. Ich hab‘ mich mehr international orientiert, zum Beispiel an Bones oder Night Lovell die Untergrundszene sozusagen. Diese ganzen Geheimtipps, von denen man gerade hört. Die Musik klingt halt so und ich feier‘ das. Ich reflektiere immer das, was ich höre. Und das Tape spiegelt das auch gut wieder Vielleicht eher die erste Hälfte als die zweite, weil die zweite aus älteren Songs besteht. Ich hätte auch eher gedacht, dass die Platte in diese Richtung gehen würde

Sierra Kidd: Stimmt. Das war genau, was ich wollte dass man es nicht erwartet. Wir haben auch mal rumgefragt, welcher denn der Lieblingssong der anderen ist Und jeder hat was anderes geschrieben. Normalerweise gibt’s immer die drei Hits und dann noch ein paar einzelne Tracks. Aber da hat wirklich jeder etwas anderes geschrieben und Kira meinte nur zu mir: „Okay, wir haben auf der Platte wirklich alle Sparten vereint, die wir bedienen wollen“. Jeder findet seinen Song und jeder, dem ich das vorspiele, hat mindestens ein, zwei Lieblingstracks auf dem Tape. Die tättowieren sich, sitzen an der PlayStation und haben die ganze Zeit diesen generellen „Turn up“. Es ist immer jemand da und es wird sozusagen die ganze Zeit gefeiert also, nicht wirklich Party, wie man sich das vorstellt, aber es ist immer was los. Und irgendwann kommt jedes Mal dieser Moment, in dem alle langsam gehen und dann bin nur noch ich allein in diesem riesigen Haus. Das ist dann der Beginn dieser „Zone“. Wenn alle anderen pennen gehen, sitz‘ ich noch auf der Couch, guck‘ mir Serien an und denke nach: „Boah, wann bin ich endlich wach, wann wach‘ ich auf aus diesem Traum?“ Ich liebe diesen Lifestyle, den wir haben, aber ewig kann das nicht so weitergehen. Ich bin so dankbar, dass ich das alles erleben darf, aber ewig macht mein Körper das auch gar nicht mit. (lacht) Finn, ein Freund von mir, hat da mal was Lustiges gesagt. Er war irgendwann bei mir und meinte: „Manuel, jedes Mal, wenn ich von der oberen Etage deines Hauses ins Wohnzimmer runterkomm‘ und ihr alle pennt, zünd‘ ich mir einen Joint an und sag‘ mir: ‚Boah, das kann doch nicht so weitergehen, aber es geht immer so weiter'“. (lacht) Und so ist das. Ich weiß nicht warum, aber es ist halt einfach so. Ich hatte immer Bekannte und Leute, mit denen ich gegrindet habe, aber eigentlich war ich immer ein Einzelgänger. Und jetzt fängt es langsam an, dass ich der Boss von etwas bin: Ich hab‘ mein eigenes Label gegründet, Leute, die bei mir angestellt sind, Firmen und Verantwortung, die ich tragen muss (überlegt) Für meine kleinen Geschwister bin ich der Größte. Und das sind alles einfach Sachen, die ich vorher nie gefühlt hab‘ und jetzt empfinde ich das. Ich hab‘ viel nachzuholen. Aber mittlerweile hab‘ ich auch einfach keine Zeit mehr und deswegen mach‘ ich so viel auf einmal. Deswegen mach‘ ich jetzt ein Album, bring‘ direkt danach ’nen Track raus, schneid‘ währenddessen noch das zweite Video zum Album und bin trotzdem noch die ganze Zeit diesen „Turn up am Haben“. Du darfst dir das auch nicht wie eine Party vorstellen. Wir tanzen nicht die ganze Zeit. Das ist gar nicht mal dieses Drogen Ding und Feiern, sondern einfach nur Chillen und Rumhängen. Mein Haus ist sozusagen die „Hangout Zone“. Ich hab‘ da auch ein abgetrenntes Studio, in dem ich manchmal chille, während die feiern. Ich bin kein Partymensch, aber liebe es, in dieser Gesellschaft zu sein. Das inspiriert mich einfach. Fühlst du dich unter Druck gesetzt, jetzt auch liefern zu müssen, damit du diesen Lifestyle aufrecht erhalten kannst?

Sierra Kidd: Was heißt „unter Druck gesetzt“ Das ist es ja, was ich wollte. Ich will das alles selbst machen. Natürlich könnte ich eine Filmfirma für die Videos engagieren, mein Label weggeben und bei einem anderen signen und dann sozusagen selber wieder ein Angestellter sein aber das ist nicht, was ich will. Ich will diese Verantwortung und den Druck. Jeden Tag aufstehen und merken, wofür ich das tu‘. Ich will jeden Tag dasitzen und merken: „Okay, ich hab‘ den ganzen scheiß Tag lang gearbeitet, aber am Ende kommt dabei auch mehr rum als bei jedem anderen“. Und daran glaub‘ ich auch. Es ist nicht so, dass ich jetzt hier sitze und sage: „Ich arbeite so viel und vielleicht wird das alles nichts“ Doch, es wird was. Es muss etwas werden. Und bis zu diesem Punkt werd‘ ich nicht aufhören zu arbeiten. Deine ersten Free Tracks klangen logischerweise nicht wie „Kopfvilla“ und „Kopfvilla“ wiederum nicht wie „Nirgendwer“ oder jetzt eben „FSOD“. Denkst du, dass du momentan noch in der Findungsphase bist, oder würdest du sagen, dass du mit „FSOD“ deinen Stil gefunden hast?

Sierra Kidd: Was Sound angeht, bin ich, glaube ich, mein ganzes Leben lang in einer Findungsphase. Ich find‘ immer mal andere Sachen geil. Nur bei „Nirgendwer“ war ich im Nachhinein nicht mehr ganz zufrieden mit dem Sound. Für die Umstände, unter denen es entstanden ist, find‘ ich die Platte immer noch gut, aber bei „FSOD“ kommt dieser „Kopfvilla“ Flavour wieder viel mehr rüber. Gerade gegen Ende, bei Songs wie „Scheinheilig“. Natürlich klingt das trotzdem anders, aber dieser Vibe, dieses Verträumte ist wieder zurück das hat bei „Nirgendwer“ einfach komplett gefehlt. Das war bei den Free Tracks und „Kopfvilla“ da, bei „Nirgendwer“ war’s weg und jetzt ist es wieder da finde ich. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich mich selbst gefunden habe, aber soundtechnisch werde ich mich immer verändern. Ich weiß jetzt noch nicht, wie das nächste Album klingen wird, aber wette, dass es auch wieder ein bisschen anders wird. Das wird sich immer weiterentwickeln und besser werden.

Sierra Kidd: Na ja Deutschland ist halt so ekelhaft verkrampft und wenn eine Sache funktioniert, muss man sie aus dem finanziellen Aspekt heraus leider durchziehen. Weil du es dir nicht leisten kannst, wenn etwas nicht funktioniert. Aber mir ist das egal. Ich will einfach gute Musik machen und finde, dass mehr Leute diesen Aspekt haben sollten. Wenn ich jetzt ein Fler Interview höre, in dem er sagt: „Ich hab‘ Trap geliebt und es hat mir so viel Spaß gemacht, aber dann konnte ich das nicht mehr machen, weil die Verkaufszahlen nicht gestimmt haben “ Was ist das denn?! Du solltest doch Musik machen, weil es dir Spaß macht. Weil du da sitzt und sagst: „Boah, dieser Song ist so geil, den hör‘ ich jetzt die ganze Zeit rauf und runter“. Nur dann kannst du dieses Gefühl auch an deine Hörer vermitteln. Verkaufszahlen und so ein Scheiß sind doch nicht das, wonach du gehen solltest. Du solltest danach gehen, dass du gute Musik machst und gute Musik ist für uns kein Ziel, sondern eine Voraussetzung.

Sierra Kidd: Leider sind das immer weniger geworden. Ich verlieb‘ mich auch immer mehr in Money Boy no homo. Am Anfang war ich auch einer von den dummen Hatern beziehungsweise hab‘ ich’s einfach nicht gecheckt. Aber irgendwann hab‘ ich es immer mehr gegettet und mittlerweile bin ich voll drin im Film. (lacht) Money Boy ist auf jeden Fall fly. Ansonsten hör‘ ich, wie gesagt, auch immer noch das Dat Adam Tape sehr gerne. Das ist aber auch das einzig Deutsche, das ich hör‘. Wenn du mich nach Amisachen fragst, kann ich dir 20 Alben nennen. Ich finde, dass Deutschrap so uninteressant geworden ist es klingt alles gleich. Deutscher Rap ist zu Fließbandrap mutiert.
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